Ein Pferd unter Zwang

 

 

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Ist Totilas, der Wundertänzer, mit zwölf Jahren schon verbraucht? Ist er Opfer des Spitzensports, der Spektakel über Gesundheit stellt? Aufwühlende Fragen, zu denen Major a.D. Paul Stecken, unbestechlicher Doyen der deutschen Reiterei, klare Ansichten hat.

Dafür, dass Totilas Ende April wieder starten soll, ist es ziemlich ruhig geworden um ihn. Der Turnierveranstalter in Hagen bei Osnabrück, wo Reiter Matthias Rath nach mehr als einem halben Jahr Verletzungspause sein Comeback mit dem Rapphengst geben will, hält lieber still. Keine Werbung mit dem vierbeinigen Dressur-Promi, keine eigene Pressemitteilung, nur eine knappe Bestätigung, dass der Kronberger Reiter einen Startplatz nachgefragt hat. Er könnte ja wieder kurzfristig absagen, wie im vergangenen Jahr, und damit das ganze Turnier entwerten.

Bundestrainer Holger Schmezer gibt sich optimistisch. Er hat die beiden bei einem Geheimlehrgang seiner kompletten Mannschaft in Warendorf beobachtet, zweimal hat er sie im Training besucht. Der Eindruck sei positiv, sagt er. „Wenn er das so zeigen kann, ist das der Totilas, den wir alle gerne sehen wollen.“ Ja, wenn . . . Schmezer legt sich lieber nicht fest. „Ich bin ja auch gespannt.“

Die Erwartungen an das zwölfjährige Pferd bleiben groß. Doch seit das Getöse um den charismatischen Rappen sich gelegt hat, werden die Stimmen der Skeptiker wieder hörbar. Es sind die Verfechter der klassischen Reitweise, die seit Jahren vor einem Irrweg in der modernen Dressur warnen. Im Zentrum der Kritik steht die vor allem in den Niederlanden praktizierte „Rollkur“.

Trauriger Kronzeuge für eine Fehlentwicklung

Nun wendet sich die erschrockene Szene wieder Koryphäen wie Major a.D. Paul Stecken zu, dem unbestechlichen Doyen der deutsche Reiterei. Er ist 95 Jahre alt, einst Angehöriger des legendären Kavallerieregiments 15 Paderborn, danach 35 Jahre lang als Leiter der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster einer der Ur-Reitlehrer der Nation.

Stecken hat den sechsmaligen Olympiasieger Reiner Klimke ausgebildet und unterstützt heute noch dessen hauptsächlich in der Vielseitigkeit erfolgreiche Tochter Ingrid Klimke mit Rat und Tat. Jahrelang war er internationaler Richter. Keiner weiß mehr über die Ausbildung von Reiter und Pferd, keiner steht stabiler auf der Grundlage der klassischen Grundsätze, keiner hat einen schärferen Blick für Pferde. „Ich bin der Letzte, der das noch miterlebt hat“, sagt Stecken über seine Zeit in der Kavallerie. Bisher hat er zum Thema Totilas geschwiegen. „Es wird wohl Zeit, dass ich mich zu Wort melde“, sagt er jetzt.

Höchste Zeit. Mittlerweile tauchen Fragen auf, die niemand offen stellen will, die aber die ganze Szene aufwühlen: Ist Totilas, der spektakuläre Wundertänzer, mit zwölf Jahren schon verbraucht? Geht er im Viereck unter Schmerzen? Könnte er ein Opfer des Spitzensports sein, der das Spektakel über die Gesundheit stellt, die theatralischen Tritte über die natürlichen Bewegungen? Seit etwa fünfzehn Jahren winken viele Profis müde ab, wenn die Altvorderen auf ihre bewährten Grundsätze pochen. Nun könnte Totilas zum traurigen Kronzeugen für eine Fehlentwicklung in der Dressurreiterei werden.

 

 

Ein großes Fehlverhalten“

Stecken sitzt in seinem dämmerigen Wohnzimmer in einem Reihenhaus in Münster-Handorf, umgeben von Dokumenten und Fotos. Das Heft, das er immer wieder zückt, ist bräunlich und abgegriffen. Es ist die 100 Jahre alte Heeresdienstvorschrift aus dem Jahr 1912, kurz H. Dv.12. Dies war die verbindliche Reitvorschrift der deutschen Kavallerie, gespeist aus der Erfahrung von Generationen. Zweimal wurde sie aktualisiert, 1924 und 1937 - an der letzten Überarbeitung hat Stecken bereits mitgewirkt. „Alle Grundsätze von 1937 gelten auch heute noch in vollem Umfang“, sagt er.

Wie soll er anfangen? „Man muss das alles im Zusammenhang sehen“, erklärt Stecken. Er redet vier Stunden lang. Danach braucht er noch zweieinhalb Wochen, um seine Worte schriftlich zu überarbeiten. „Jedes Wort muss sitzen“, sagt er. Und dann liefert er seine Einschätzung ab - sachlich im Ton und fest in der Sache. Ausgangspunkt ist „richtiges Reiten“ nach der H.Dv. 12. „Schwungvoll in korrekter Anlehnung und gutem Bewegungsablauf“, schreibt Stecken. Wobei - für Laien - unter Anlehnung die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul über die Zügel zu verstehen ist, die mit der kompletten Körperhaltung des Pferdes zusammenhängt.

 

Die Anlehnung soll, einfach gesprochen, weich sein, das Pferd soll interessiert auf die Signale des Reiters warten. Stecken schreibt im Zusammenhang mit der Anlehnung von dem „Grundsatz, dass die Nase der Pferde aus überzeugenden Gründen an die Senkrechte vorgelassen sein soll.“ Er führt an: „Etwa um 1995 beobachtete man zunehmend Pferde mit engen, zum Teil sehr engen Halseinstellungen. Dies war ein großes Fehlverhalten.“ Alles Hinter-die-Senkrechte-Kommen behindere „das erforderliche Mitschwingen des Rückens als Bewegungszentrum und damit die Qualität des Bewegungsablaufs“.

Fragwürdige Lehre

Als wichtigster Verfechter der aufgerollten Pferdehälse gilt der Niederländer Sjef Janssen, Ehemann und Trainer der dreimaligen Olympiasiegerin Anky van Grunsven, der seine Trainingsmethode als fortschrittlich propagierte und es schaffte, die deutschen Dressurreiter - durch Beharrlichkeit in der Arbeit und unermüdlichen Lobbyismus in allen Gremien - zu überholen. Zunehmend gewannen Pferde die Wettkämpfe, die durch die „Rollkur“ stark unter Spannung gesetzt waren und immer wieder unnatürliche, spektakuläre, von vielen Richtern hoch benotete Bewegungen zeigten.

Stecken verwahrt sich gegen Janssens Behauptung, die deutsche Reiterei sei veraltet. „Wenn durch umstrittenes Reiten (enge Hälse, überspannte Bewegungen), auch teilweise durch umstrittene Bewertungen größere Erfolge erreicht wurden, kann deshalb die deutsche Reitausbildung nicht rückständig sein.“ Entsprechend entsetzt war die Szene, als bekannt wurde, dass Janssen für die Zeit nach den Olympischen Spielen als Trainer von Rath und Totilas verpflichtet wurde. Auch der Niederländer Edward Gal, der Ausbilder des Hengstes, ist jahrelang bei Janssen in die Lehre gegangen.

„Wie lange hält das Pferd das aus?“

 

Bei der Europameisterschaft von 2009 in Windsor, bei der Totilas’ Stern aufging, habe man, schreibt Stecken, die Rollkur besonders beobachten können. Totilas sei „mit unnatürlich engem Hals und überstrapazierten, aufwändigen Bewegungen zu sehen“ gewesen. „Man fragt sich, wie lange hält das Pferd das aus?“ Diese Haltung sei „mit Gesundheit und dem Wohlbefinden des Pferdes“ nicht zu vereinbaren. „Die Haltung des Halses ist Zwang, der Rücken ist nicht hergegeben, sondern verspannt. Der Bewegungsablauf ist unnatürlich und verkrampft. Die gesamte Muskelbildung wird von Jahr zu Jahr fester und versteift.“

Ein Pferd, das so verspannt gehe, könne „nur größere Schwierigkeiten mit der Muskelbildung im Rücken bekommen. Man hat den Eindruck, das Pferd ist nur unter starkem Zwang in einer solchen Haltung zu reiten.“ Diese führe „in der Regel im 6. bis 8. Lebensjahr zunehmend zu größeren Schäden. Es kann zu ... großer Belastung der Nerven führen.“ Stecken bemängelt, dass die „zuständigen Stellen“ keine eindeutigen Stellungnahmen zu diesem Problem abgaben. So hätten die Richter nicht die Chance gehabt, durch konsequente Urteile die Entwicklung zu bremsen. „Der Satz ,wehret den Anfängen’ hätte Bedeutung verdient gehabt.“

 

Stecken ist der Überzeugung, dass Matthias Rath nach der Übernahme von Totilas vor anderthalb Jahren nicht in der Lage war, das Pferd wie bisher weiterzureiten. „Er ist ein jüngerer, gut veranlagter Reiter, der bereits richtig angerittene Pferde mit guten Erfolgen vorgestellt hatte.“ Und es gebe kaum eine Möglichkeit, ein Pferd, das mehrere Jahre so ausgebildet war, umzustellen. Durch den misslungenen Auftritt von Rath und Totilas Anfang Februar bei der Hengstschau in Vechta sieht sich Stecken in seiner Überzeugung bestätigt. „Es war bitter anzusehen, wie sich das bedeutende und wohl einzigartige Pferd ... präsentierte.“ Totilas war widersetzlich, hopste herum und entzog sich dem Reiter.

Der Preis des Erfolges

Stecken ließ es sich nicht nehmen, vor einer Woche bei einem Kongress in Münster den Vortrag von Professor Peter Stadler von der Tierärztlichen Hochschule Hannover anzuhören, der sich mit der Rollkur befasste. Ihre „Modernität“ stellte er anhand eines mittelalterlichen Ritterbildes in Frage, auf dem der Pferdekopf sich in der gleichen Zwangshaltung befand wie auf einem Foto daneben der Kopf eines Pferdes von Anky van Grunsven.

Als erwiesene Folge dieser Methode nannte Stadler die Schädigung des Fesselträgers, einer Sehne in der Hinterhand der Pferde. Diese habe nicht zwangsläufig eine Lahmheit zur Folge, führe aber zu widerwilligem Arbeiten, Steifheit, Störungen der Lektionen, besonders die Seitengänge führten solche Pferde nur ungern aus, und es komme zu Rittigkeitsstörungen, was bedeutet, dass ein Pferd seine Leistung nicht mehr von sich aus anbietet.

Nun gehen die Blicke nach Hagen, dann auf die Qualifikationsturniere für Olympia und auf London selbst. Die Erwartungen an Totilas bleiben hoch, besonders die der beiden Besitzer: Paul Schockemöhle verdient am Samen des Hengstes, Raths reiche Stiefmutter Ann-Kathrin Linsenhoff trachtet nach ideellem Gewinn, dem olympischen Gold. Wenn irgend möglich, wird Totilas also wieder Leistung bringen müssen.

 

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