www.welt.de

Die schlimme Wahrheit über den Fall Totilas

 

Nach dem Karriereende von Totilas gibt es viele Ungereimtheiten. Offenbar hätte das kranke Dressurpferd bei der EM gar nicht starten dürfen. Sein Ex-Reiter kämpft gegen den Vorwurf, Tiere zu quälen.

Seit den Europameisterschaften in Aachen ist die Szene der Dressurreiter in zwei Lager gespalten. Die einen sind noch starr vor Schreck, wie das mit diesen unschönen Fotos passieren konnte, die für viele Menschen nach Tierquälerei aussehen. Die es bedauern, dass diese Bilder im Fokus standen und der Öffentlichkeit in Erinnerung bleiben, weil sie ja nur ein Teil des Ganzen waren. Die auf die vielen guten Seiten ihres Sports verweisen und darauf drängen, bitte nicht mehr darüber zu sprechen, sondern nach vorn zu schauen.

Derweil sind die anderen erbost. Die Serie der Rollkurbilder eines Reiters vom Vorbereitungsplatz und das Drama um den vermeintlichen Wunderhengst Totilas, der als lahmendes Pferd den letzten Auftritt seiner Sportkarriere absolvierte, dazu das Blut am Maul eines Pferdes in der Prüfung: „So sieht unser Sport nicht aus“, sagen sie. Und das sagen viele. Reiter, Ausbilder im Breitensport, etablierte Trainer, gestandene Persönlichkeiten.

Sie alle lieben Pferde und die Dressur. Für viele ist der Reitsport das schönste Hobby der Welt, viele leben aber auch davon. Und alle fragen sich: Wie war es möglich, dass Totilas bei den Europameisterschaften starten durfte? Mögliche Antworten: Für den Hengst wurde vom üblichen Sichtungsmodus Abstand genommen, seinem Team wurden auffällig viele Zugeständnisse gemacht, und es hat sich herumgesprochen, dass das Pferd auffällig viel Schritt ging zuvor, also vermutlich geschont wurde.

Warum sah Schockemöhle Totilas in Hagen nicht?

„Das Buch ist zu“, sagt Mannschaftstierarzt Marc Koene. Ähnliches ist von Paul Schockemöhle zu hören. Der Mitbesitzer des Pferdes beruft sich allerdings darauf, dass er selbst vor den Europameisterschaften „Totilas in diesem Jahr noch gar nicht unter dem Sattel gesehen habe“. Er hätte lediglich mit Reiter Matthias Rath telefoniert, hätte auch keine Videos angesehen, hätte sich also zuvor gar kein eigenes Bild vom Gangwerk des Pferdes verschaffen können. Allerdings wurde Schockemöhle in Hagen gesehen, auf dem einzigen Sichtungsturnier, das sein Pferd besuchte. War er vielleicht gerade einen Kaffee trinken, als der Hengst lief? Seltsam.

Hermann-Josef Genn, einer der Tierärzte aus dem Veterinärs-Check, der vor dem ersten Start bei internationalen Turnieren durchgeführt wird und die Begutachtung der Pferde in Schritt und Trab sowie die Untersuchung der Gliedmaßen umfasst, sagt über Totilas: „Wir hatten ihn durchaus im Auge.“ Deshalb hätten sich die Ärzte das Pferd auch noch ein zweites Mal angesehen. „Tatsache ist, dass er nach dem Veterinärs-Check hart trainiert wurde, und so hat sich das Knochenödem kurzfristig verschlechtert.“

Ein Knochenödem, die nun diagnostizierte Ursache, entsteht jedoch nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein Belastungssyndrom, das langsam entsteht, erklärt Dr. Hans-Joachim Götz, Fachtierarzt für Pferde und Vorsitzender des Deutschen Tierärzteverbandes. Die offizielle Erklärung dafür, dass das Knochenödem erst jetzt diagnostiziert worden sei, ist: Erst nach den Europameisterschaften wurde Totilas im Spezialverfahren MRT untersucht, vorher war er lediglich geröntgt worden. Bei einem Pferd, das zehn Millionen Euro gekostet hat, schwer zu glauben. Festzustellen bleibt: Der Fall Totilas ist nicht abgeschlossen, so lange nicht geklärt wird, wie der EM-Start eines offensichtlich anfälligen und nicht gesunden Pferdes verantwortet werden kann.

Die Rollkurmethode sorgt für Entsetzen

Das zweite Problem, das es zu klären gilt, sind die Rollkurbilder vom Training Edward Gals auf dem Pferd Undercover. Der Niederländer ritt Totilas vor dem Verkauf nach Deutschland und gewann mit ihm unter anderem drei Weltmeistertitel. Seine Trainingsmethoden sind heftig umstritten.

Die Verbreitung der Trainingsfotos aus Aachen in europäischen Foren und auf Facebook-Seiten setzten Reitverband und EM-Veranstalter stark unter Druck. Auf den Fotos ist zu sehen, wie das Pferd mit extrem engen Zügeln in der Rollkurmethode geritten wird – was Reiter und Trainer nicht als Rollkur, sondern als Low-Deep-Round definieren –, die Unterlippe scheint sogar nahezu die Brust zu berühren.

Diese Bilder wurden in Reiterkreisen extrem diskutiert. Anscheinend haben viele aufgebrachte Menschen die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) angeschrieben, wie es sein könne, dass solche Methoden offiziell angewendet werden.

Alsbald gab es eine Stellungnahme des deutschen Verbandes. Mit klaren Worten: „Ein großer Teil der (...) Photoaufnahmen zeigt Situationen, die sich weder mit dem nationalem noch mit dem für die EM relevanten internationalen Regelwerk in Einklang bringen lassen. Hier ist eine extreme Beizäumung dokumentiert, die nicht zulässig ist, besonders weil es in einer umfangreichen Folge von Photos dokumentiert und nicht als ‚unglückliche Momentaufnahme‘ zu rechtfertigen ist. Es ist Aufgabe der FEI-Stewards (Kontrolleure der Vorbereitungsplätze des Reitsport-Weltverbandes – d.R.), die Einhaltung der Regeln zu kontrollieren.“

Das verworrene System im Weltverband FEI

Im gleichen Schreiben stand auch diese Neuigkeit: „Am Samstag, 15. August, hat der diensthabende FEI-Steward den Trainer des Reiters auf die Trainingsmethode angesprochen. Der Reiter hat daraufhin das Training abgebrochen und das Pferd zurück in den Stall geführt.“ Dass Edward Gal angesprochen wurde, war bis zu dieser Stellungnahme nicht bekannt.

„Uns hat niemand angesprochen“

Wim Ernes,,

Nationaltrainer der Niederländer

 

Doch leider beginnt genau an diesem Punkt eine verzwickte Geschichte, die gut zeigt, wie verworren die Wege im Dressursport und im System des Weltverbandes sind. Denn: Kein Steward, der bei den europäischen Titelkämpfen in Aachen vor Ort war, durfte über diese Situation sprechen. Alle beriefen sich auf den Chief Steward, der allein etwas zum Thema sagen dürfe. Aber Jacques van Daele ging nicht ans Telefon, reagierte nicht auf mehrere Mobilboxansprachen, antwortete weder auf SMS noch auf E-Mails.

Das erweckt Misstrauen. Nachfrage beim Stall Edward Gal: Gab es diese Situation? Nein, lässt er über den niederländischen Verband, also von höchster offizieller Stelle, schriftlich ausrichten. Niemand wurde angesprochen, nicht er, nicht die Trainerin, nicht der Nationaltrainer. Auch Wim Ernes, Nationaltrainer der Niederländer, sagt: „Uns hat niemand angesprochen.“

Wenn das stimmt, ist die Stellungnahme der Deutschen Reiterlichen Vereinigung lediglich eine Beruhigung der Massen: Stellung beziehen und darauf hinweisen, dass der Verband schon tätig geworden sei.

Die FN erklärt, sie habe die den Steward betreffende Formulierung vom Aachener Veranstalter übernommen. Thies Kaspareit hat das FN-Schreiben unterzeichnet, er ist als Verfechter des sauberen Sports bekannt: „Ob das nun so passiert ist oder nicht: Ich stehe zu meiner Aussage. Und die Fotos zeigen eine Massivität, die nicht im Sinne der FN und FEI sein kann.“ Der Veranstalter aus Aachen hat die Aussage wiederum vom Weltverband FEI übernommen.

Aussage steht gegen Aussage

Bewegung kommt erst in die Sache, als die FEI von der „Welt“ mit der Aussage der Niederländer konfrontiert wird. Plötzlich ist Chief Steward Jacques van Daele zu erreichen. Durch seine Version der Geschichte bekommt diese noch mal einen völlig anderen Dreh: Von ganz, ganz oben sei diese Information gekommen. Der Präsident des Dressurkomitees der FEI, Trond Asmyr, habe ihm, dem Chief Steward, während der EM auf der Tribüne gesteckt, dass er selbst einen Steward gebeten habe, Edward Gals Trainerin anzusprechen, allerdings unauffällig, „very decent“. Welcher Steward diesen Auftrag ausgeführt habe, dazu kein Kommentar von Jacques van Daele. Die Niederländer sagen: Da war nichts. Der Weltreiterverband sagt: Doch, da war was. Aussage steht gegen Aussage.

Klar ist nur: Wenn Gals Trainerin angesprochen wurde, dann auch erst nach Aufforderung von ganz oben. Zudem ist klar: Die FEI scheint schon zu wissen, auf wen sie achten muss. Ob aufgrund von politischer Korrektheit, damit es nur schöne Bilder von den Europameisterschaften gibt, oder aber aufgrund von echtem Willen, den Dressursport sauber zu halten, das kann nur einer wissen: Trond Asmyr, der mächtige Mann im Dressursport.

https://www.welt.de/sport/article145991487/Die-schlimme-Wahrheit-ueber-den-Fall-Totilas.html

 

 

Kontaktdaten von Reitausbildung Reese an Smartphone senden.

Kontaktdaten

Reitausbildung Reese

Zum Mühleholz 5

DE-79809 Nöggenschwiel

Kontakt zu uns

Telefon:+49 (0) 7755 - 93 98 466

Mobil:
Mobil (CH):

+49 (0) 173 - 71 23 671
+41 (0) 76 - 45 50 290
Waldshut Fotograf